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"Stellen wir uns den großen Fragen ans Leben": Ethikerin Caroline Hack.

Ute Möller
19.01.2022
Lesezeit: 9 Min.

„Keine Angst vor großen Fragen!“

Ein Gespräch mit der Ethikerin Caroline Hack über ihre Führugsposition im Erlanger Klinikum, die Anforderungen der Pandemie und ihre MS-Diagnose

Keine Angst vor großen Fragen zu haben, sei wichtig für ein gelingendes Leben, sagt Caroline Hack. Die 36-Jährige leitet die Stabstelle „Klinische Ethik“ am Universitätsklinikum Erlangen. Für Caro ist es wichtig, immer wieder die innere Haltung, mit der wir leben – für uns und für andere – zu überprüfen. Die Pandemie zeigt uns deutlich, wie wichtig das ist. Ich spreche mit Caro über ihr Leben als Ethikerin, als Führungskraft im Klinikum Erlangen, über die Lehren, die wir aus der Pandemie ziehen könnten und über ihre MS-Diagnose.

Liebe Caro, als wir das Interview vorbereitet haben, hast Du mir eine Mail geschickt mit möglichen Themen und darin stand der Satz: „Keine Angst vor großen Fragen.“ Das hat mich sehr angesprochen. Es formuliert einen hohen Anspruch an das Leben, aber letztlich kommen wir spätestens in Krisen ja gar nicht um die großen Fragen herum.

Caroline Hack: Die Dinge sind unvorhersehbar. Die Frage ist, ob man vor der Unvorhersehbarkeit einknickt und sich gar nicht erst fragt, was man in seinem Leben selber gestalten kann. Keine Angst vor großen Fragen zu haben betrifft ja viele Bereiche: Was ist für mich ein gutes Leben und was bedeutet für mich Lebensqualität? Ich rate jeder und jedem, darüber nachzudenken und mit seinen nächsten Menschen darüber zu sprechen. Ich sehe in der Klinik oft Familien, die für einen schwerkranken Verwandten entscheiden müssen, unter welchen Bedingungen dessen Leben erhalten werden soll. Wenn der aber nie darüber gesprochen hat, kann das keiner wissen und die Angehörigen stehen da, mit der unendlichen Unsicherheit, die Wünsche falsch zu interpretieren.

War es das Interesse an den großen Fragen, das Dich zum Philosophiestudium gebracht hat?

Caro ist auch in der Lehre tätig und bringt ihren Studis bei: Philosophie ist vor allem eine Haltung zum Leben.

Mein Vater hat mir die Haltung vermittelt, dass es gut ist, immer viele Fragen zu haben und dran zu bleiben. Diesen Impuls habe ich mitgenommen. Und die Philosophie ist eben genau das System, das damit umgeht, dass es ganz viele Fragen und nicht so richtig viele Antworten gibt. Stattdessen tun sich immer wieder neue Aspekte auf. Ich habe aber zunächst angefangen, Psychologie zu studieren – auch, weil ich familiär mit psychischen Erkrankungen in Berührung gekommen war. Ich hielt es für eine gute Idee, aber ich konnte in nichts objektiv sein. Ich bin dann erst mal einen Teil des Jakobswegs gegangen und habe  zu Freunden gesagt: Ich komme zurück, wenn ich das Gefühl habe, ich habe einen Grund, irgendetwas weiter zu machen.

Zwei Monate und 500 gelaufene Kilometer später hast Du Dich dann für Philosophie und Iberoromanistik an der Universität Erlangen eingeschrieben.

Ja, erst mal nur, weil es dafür keine Zugangsbeschränkungen gab und ich gleich loslegen konnte. Es hat aber so viel Spaß gemacht. Mittlerweile mache ich außerdem mein Psychologiestudium fertig.

Du hast recht schnell Dein Interesse an der Medizinethik entdeckt. Die reine Theorie ist wohl nicht Dein Ding?

Für mich gehört Philosophie auf die Straße. Die Welt ist mir nicht egal, es geht mir nicht um den reinen Gedanken. Ich wollte mit Menschen arbeiten und es sollte für den Alltag relevant sein. Da bietet sich Medizin an. Ich sehe es als meinen Hauptauftrag, andere Menschen darin kompetent zu machen, ethisch gut analysieren zu können. Deshalb auch die Ethikberatung. Wenn sich interdisziplinäre Teams über einen medizinischen Fall nicht einigen können oder wenn es Konflikte unter Angehörigen gibt, kann es hilfreich sein, jemanden zu haben, der gut sortieren kann. Der alle Perspektiven neutral an einem Tisch sein lässt, in der gleichen Lautstärke, und sie dann ordnet.

Genau diese Kompetenz wäre im Umgang mit der Pandemie wichtig. Stattdessen fallen im Moment moralische Schranken.

Auseinandersetzung mit Philosophie macht was mit der Haltung und nicht unbedingt mit der Meinung. Sie beeinflusst die Art, wie man Meinung bildet. Da muss gar nicht laut sein. Und es geht nicht darum, dass die Gesellschaft jetzt plötzlich darauf hört, welche Meinungen Philosophinnen und Philosophen haben. Das ist zweitrangig. Wichtiger wäre es, wenn es Philosophen und Ethikerinnen gelingt, eine gewisse Kultur zu vermitteln. Zum Beispiel miteinander zu sprechen. Die Pandemie böte die Chance, Prioritäten über den Haufen zu werfen, auch als Gesellschaft. Aber die Stimmung ist leider eine ganz andere. Viele Leute gehen mit einem echt abartigen Kommunikationsstil gegeneinander an. Es scheint kein Dialog, keine Offenheit für irgendwelche Perspektiven mehr möglich zu sein. Es ist alles sofort dogmatisch.

„Viele leiden unter moralischem Stress“

Ich kann Coronaleugner auch nur schwer ertragen

Ich finde das auch total verständlich. Ich mache regelmäßig Ethikvisiten auf der Intensivstation und könnte emotional nachvollziehen, wenn das medizinische Personal da sagt: Ich weiß nicht, wo ich die Energie dafür herkriegen soll, eine nicht geimpfte Person, die noch kurz vor der Beatmung gesagt hat, dass das doch alles Schwachsinn ist mit Corona, in den nächsten Tagen bestmöglich zu versorgen. Natürlich tun Pflegende und Ärztinnen und Ärzte das trotzdem. Sie zahlen ja auch ohne Corona schon einen hohen Preis, um die professionelle Distanz aufrecht zu erhalten. Sie wissen genau, was gute Arbeit ausmacht und wollen dem auch entsprechen. Doch zugleich stecken sie in einem System, in dem das oft nicht möglich ist. Weil es zu wenig Personal gibt und zu wenig Ressourcen. Diese Diskrepanz löst enormen moralischen Stress aus.

Zugleich ist das Kliniksystem sehr männlich. Du bist in einer Führungsposition. Siehst Du Dich als Vorbild für andere Frauen?

Ich würde mir wünschen, dass das wofür ich stehe und was ich tue, für sich spricht. Auch dass ich es als Frau tue. Mein Anspruch ist es, das Ethikkomitee auf verschiedenen Ebenen paritätisch zu besetzen. Dass es zum Beispiel einen Vorsitzenden aus dem ärztlichen und eine aus dem pflegerischen Bereich gibt. Auch das Gechlechterverhältnis sollte Fifty-Fifty sein. Zum Komitee gehören fünf Ärztinnen und Ärzte, fünf Pflegende, sowie Personal aus dem sozialen, ethischen und juristischen Bereich, der Studierendenvertretung und so weiter. Es ist aber eine echte Herausforderung. Und die Führungskraft in der Klinik ist Mitte 50, männlich, weiß. Es gibt schon Diversität in den Kliniken, aber nicht so sehr auf der Führungsebene. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel in den sozialen Berufen mehr Frauen. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob man nicht einfach im Gremium abbilden sollte, wer in welchem Bereich in der Klinik vertreten ist. Aber ich möchte Frauen das Gefühl geben, dass sie an allen Stellen genauso viel verloren haben wie Männer.

Hat Feminismus für Dich schon früh eine Rolle gespielt?

In der Pandemie wäre ein tolerantes Miteinander wichtig. Stattdessen wird ein offener Austausch immer schwieriger.

Ich würde sagen, es ist nicht möglich, dass Feminismus keine Rolle spielt. Wenn ich zum Beispiel in eine Situation gehe, in der ich weiß, dass es reinspielt, dass ich eine Frau bin – weil ich die einzige Frau bin zum Beispiel – musste ich lernen, dazu eine Haltung zu finden. Ich fahre gut damit, wenn ich so tue, als wäre mein Geschlecht vollkommen egal. Denn wenn ich mir vorher bewusst mache, dass es auch um mein Geschlecht geht, das mir etwas verwehrt oder mich positioniert, dann fühle ich mich klein. Und kann mich nicht so frei verhalten. Ich muss es in den Situationen aktiv ausblenden. Es hilft mir aber nie, mich auf die Wut über bestehende männliche Strukturen zu konzentrieren. Ich denke mir dann, dass es ich es trotzdem hierhin geschafft habe und Dinge bewegen kann, mit guter Arbeit.

Warum fällt es Frauen so schwer, selbstbewusst zu sagen, dass sie gute Arbeit machen und deshalb eine Führungsposition verdient haben?

Ich weiß es nicht. Vielleicht müssen wir Frauen uns öfter gegenseitig sagen: Du machst übrigens geile Sachen, nur mal so, falls du es heute noch nicht gehört hast!

Mit welchen Fragen hast Du in der Ethikberatung besonders häufig zu tun?

Die häufigsten Fragen, die ethische Konflikte bedingen, sind Fragen zum Lebensende. Und da ist es egal, wann diese Fragen anstehen. Ob es in der Pädiatrie ist oder in der Intensivmedizin. Die häufigsten Fragen drehen sich darum, wie ein Mensch sein Lebensende gestaltet haben möchte. Oder ob man ein Leben entweder zu Ende gehen lassen darf oder verlängern darf, ohne die Wünsche der Person zu verletzen. Es kann im Team dazu unterschiedliche Meinungen geben oder zwischen Angehörigen und dem Behandlungsteam. Man kann Fälle selten abschließend “lösen“. Wenn es um die Frage geht, wie lange ein schwerkrankes Neugeborenes maximalintensivtherapeutisch begleitet wird, geht mir das besonders nahe. Weil es oft tolle Familien betrifft, die ganz stark sind. Die versuchen, die beste Entscheidung zu treffen für ihr Kind, aber es gibt einfach keine gute Entscheidung. Es gibt nichts, was diese Situation irgendwie besser machen kann. Aber du hast keine Wahl, als dich dem zu stellen.

„Ich bin eine Sammlerin“

Was konntest Du aus den beruflichen Erfahrungen für Dein Leben lernen?

Ich hoffe, immer die Kraft zu finden, weiter zu lernen und mich weiter zu hinterfragen. Immer wieder zu überprüfen: Passt der Punkt, an dem ich gerade stehe, noch für mich? Was kann ich von dort, wo ich bin, bestmöglich für mich, die Menschen um mich herum und die Welt tun? Wie kann ich das ausbalancieren? Ich bin bisher nicht so gut darin gewesen, eine Balance für mich zu finden zwischen dem Wunsch, etwas zu bewirken und zugleich für mich zu sorgen. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich mit Lebensfragen zu befassen, ohne jemals zu denken, man hätte eine definitive Antwort gefunden. Man findet eine Antwort für den Moment.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich kann mit Zwischenantworten nicht mehr herumtrödeln. Dafür fehlt mir die Zeit, vielleicht weil ich so ungeduldig bin. Als müsste ich endlich mal auf den Punkt kommen, weil es ja noch so vieles gibt, das ich bewirken möchte.

Damit tust du aber so, als gäbe es einen Punkt und dazwischen nichts. Aber du machst ja die ganze Zeit etwas. Es ist nichts klein genug, um wichtig zu sein. Es können in der Beratungspraxis die schlimmsten Situationen in dem Leben einer Familie sein – wenn man es schafft, dass es sich für diese zumindest so anfühlt, als wäre sie nicht komplett allein damit und man ihr für ein paar Minuten geholfen, diese Entscheidung zu tragen, dann kann das reichen. Klar braucht es aber auch so ein paar Punkte für sich, wo man sagt: Die sind mir wichtig. Wenn man immer wieder ehrlich seine Prioritäten überprüft, landet man oft wieder bei den gleichen Kerndingen.

Was sind Deine Kerndinge?

Mir ist wichtig, gut zu sein für Menschen, ich möchte in ihrem Leben Gutes bewirken. Und ich bin glücklich, wenn ich Sachen erfahren, lernen und Perspektiven sammeln kann. Ich bin eine Sammlerin. Ich möchte mich austauschen. Neue Menschen kennenlernen, das gibt mir viel für mein Leben. Wenn ich das immer machen, bin ich damit glücklich.

„Man weiß nie, was kommt.“

Du hast vor vier Jahren die Diagnose Multiple Sklerose bekommen. Du weißt nicht, wie deine Krankheit dein Leben in welchem Tempo verändern wird. Hast du einen Weg gefunden, um das für dich zu sortieren?

Als ich die Diagnose bekam, war da in mir gar nichts aufgeräumt. Es hat mir vielleicht etwas geholfen, dass ich psychologisch geschult war und mit dem Kliniksystem vertraut bin. Es bringt aber keine Ausbildung was, wenn so etwas Einschneidendes passiert. Angst ist natürlich ein großes Thema. Vor Kontrolluntersuchungen oder einem MRT zum Beispiel. Die Krankheit hat mir aber auch bewusster gemacht, was eine Lebenstatsache für alle ist: Man weiß nie, was kommt. Ich will aber schon klarer als vor der Diagnose keine Zeit vergeuden. Früher habe ich öfter gesagt: Ich mach das dann, wenn ich Zeit dafür habe. Gerade weil ich schon so ein Arbeitsmensch bin. Reisen habe ich früher total oft aufgeschoben. Jetzt war ich dann auch halt mal zweieinhalb Monate in Lateinamerika, weil ich das immer schon machen wollte. Sachen nicht aufzuschieben ist mir mittlerweile sehr wichtig.

Braucht es nicht je nach Lebenssituation immer wieder andere Antworten auf die eigenen Ängste?

Total. Aber dann muss sich auch die Mühe machen, seine Antworten zu finden und darf nicht darüber hinweggehen. Nach der Diagnose habe ich eine Therapie gemacht, was ich früher für mich ausgeschlossen hatte. Es tut aber gut, auf seine Fragen zu schauen. Ich hatte anfangs klassische Panikattacken, ich hatte keinen Bezug mehr zu meinem Körpergefühl. Ich brauchte Support.  Und es war super, auch um zu lernen, dass man nicht immer stark sein muss. Angst will einem etwas sagen. Und da nicht zu gucken, was dahintersteckt, ist eine vertane Chance. Als Teil einer täglichen Reflexionskultur sollten wir uns alle öfter selber und gegenseitig befragen. Was sind unsere Träume, wo stehen wir? Was würden da für tolle Gespräche in Bars und Kneipen entstehen!


Caroline Hack

Caroline Hack promovierte in Philosophie und leitet seit August 2021 die Stabstelle "Klinische Ethik" am Universitätsklinikum Erlangen. Sie ist außerdem Mitglied der Ethikkommission der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Caroline arbeitet außerdem als Honorardozentin an der Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe Erlangen. Nebenbei studiert sie Psychologie. Zum Interview brachte sie Dosenbier mit und Lachgummis. Was definitiv dazu beitrug, dass wir über zwei Stunden zusammensaßen.

Caroline Hack

Caroline Hack empfiehlt: Lutz Bergemann

Caro und Lutz Bergemann haben sich an der Uni in Erlangen kennengelernt, seit 2021 hat er eine Professur an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Dort werden soziale und kirchliche Berufe gelehrt. Es freut mich natürlich als gebürtige Bochumerin, dass mich Caros Empfehlung in meine alte Heimat führt. Lutz Bergemann sei ein Menschen, der es wie sie liebt, dem Leben immer wieder neue Fragen zu stellen, sagt Caro. Und in Sachen Gendergerechtigkeit und Diversität denke er auch ähnlich. Ich freue mich jedenfalls, dass sich die Flamingo und Dosenbier-Familie um einen  (Wahl-)Bochumer erweitern kann.