Foto: Christian Eder

Der Höhepunkt der Woche: Das "Speed-Dating mit Flamingo und Dosenbier" im Nürnberger Staatstheater.

Ute Möller
10.12.2023
Lesezeit: 4 Min.

FlaDo auf der Bühne

Der Wochenrückblick mit Speed-Dating, klarer Haltung und Gendersternchen

Das zweite Lichtlein brennt und die Hütte auch. Der Wind weht heftig aus der antifeministischen Ecke und gibt dem Rollback Zunder. Ach ja, FlaDo hat auch wieder eine Woche hinter sich gebracht. Der Rückblick.

Der Freitag bescherte den Höhepunkt der zweiten Adventswoche: Das „Speed-Dating mit Flamingo und Dosenbier“ gastierte in der 3.Etage im Nürnberger Staatstheater. Ich durfte auf dem Podium die Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsfilmfestivals, Andrea Kuhn, Judith Wunschik von Siemens Energy, Lokalpolitikerin Sarah Höfler aus Cadolzburg und Software-Entwicklerin Nora Schöner begrüßen.

Wir sprachen bei Dosenbier und Gummiflamingos über das, was wir in unseren Jobs an frauenfeindlichen Strukturen erleben. Und was wir tun, um frei zu schlagen, was sich immer noch tiefer in die immer gleichen, männlich geprägten Strukturen einzuschrauben scheint.

Flamingo mit Dosenbier auf der Bühne. Foto: Christian Eder

Andrea Kuhn, seit vielen Jahren Leiterin des renommierten Menchenrechtsfilmfestivals, erfahren in Verbandsarbeit und gewerkschaftlich aktiv für korrekte Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende von Festivals, erlebt auch solche Situationen: Ein Staatssekretär spricht nur mit ihrem Stellvertreter und nicht mir ihr. Hingehen, geraderücken, was selbstverständlich sein sollte – das gehört immer noch zum Alltag von Frauen. Den müssen sie anders lesen als männliche Kollegen und sich immer wieder Strategien überlegen, um gesehen zu werden. Das ist verdammt anstrengend.

Sexismus kontern

Software-Expertin Nora Schöner berichtete ebenfalls von Sexismus im Job. Ein früherer Kollege habe ihr unterstellt, sie habe eine Position nur erreicht, weil sie einem Kollegen „schöne Augen“ gemacht habe. Eine ungeheuerliche Unterstellung, deren Tragweite ihr aber erst später aufgegangen sei. Zunächst sie sie baff gewesen. „Sofort zu kontern, das muss man echt üben, das ist ein Prozess.“ Und der verschwendet die Lebenszeit vieler Frauen.

In der IT-Branche kündigten Frauen oft nach kurzer Zeit wieder, sagte Nora Schöner. Netzwerke seien ein wichtiger Faktor, um die Branche auf Dauer weiblicher zu machen. Sie gründete deshalb She’n IT Nürnberg mit, „der offene und wertschätzende Austausch bei unseren Treffen ist sehr wichtig und bringt auch mir persönlich viel.“

Das wunderbare FlaDo-Panel (v.li,): Andrea Kuhn, Judith Wunschik, Ute Möller, Sarah Höfler und Nora Schöner. Foto: Christian Eder

In Zeiten, in denen IT-Firmen auf Konferenzen mit Pitches für sich werben, um überhaupt neue Mitarbeitende zu finden, müssen sich aber auch dringend Unternehmenskulturen einen anderen Spirit geben und inklusiver werden. Ohne strukturelle Veränderungen wird das nichts, davon ist Judith Wunschik überzeugt.

Die Expertin für Cybersicherheit führt ein internationales Team von rund 160 Leuten und setzt sich seit vielen Jahren für Gleichstellung und Frauen in Führung ein. „Anfangs war ich mit Blick auf die Frauenquote skeptisch, so wie auch heute noch viele junge Frauen, aber ich bin inzwischen davon überzeugt, dass es ohne die Quote keinen grundlegenden Wandel geben wird.“ Außerdem müssten bereits die Einstellungsteams in den Personalabteilungen divers besetz sein, damit mehr Frauen im Bewerbungsprozess nach oben gespült werden.

Politik – jünger und weiblicher

Mehr Frauen in der Politik – das ist in Deutschland und Bayern ein frommer Wunsch. Im Landtag sank der Frauenanteil auf 25 Prozent, was übrigens ein Trend ist, denn bereits in der letzten Legislatur war der Machtanteil von Politikerinnen im Maximilianeum gesunken. Sarah Höfler sitzt im Gemeinderat in Cadolzburg und würde sich wünschen, dass das Gremium weiblicher, aber auch jünger wird.

Auch sie brauchte Kraft, bis ihre Stimme in dem Chor vor allem älterer Männer gehört wurde. Unnötige Kraft, die sie besser für ihre Selbständigkeit als Grafikdesignerin und für ihre Familie eingesetzt hätte.

Völlig zu Recht regte Andrea Kuhn nach dem Speed-Dating an, dass künftige FlaDo-Podien diverser besetzt sein sollten. Sie erlebe zum Beispiel als lesbische Frau Diskriminierung noch mal anders als heterosexuelle Frauen. Für sie gebe es mit Männern nur eine fachliche Ebene, ihr Auftreten irritiere diese immer wieder. Gesellschaftliche Ungleichheit speist sich aus vielen Erfahrungen. Queere Personen, schwarze Frauen, mit Migrationsgeschichte, mit Handicap … ich fordere oft, dass wir endlich dafür sorgen müssen, dass alle dieselben Chancen haben. Aber das macht die unterschiedlichen Perspektiven eben noch lange nicht sichtbar.

Das gebe ich zu, da geht es auch ran an meine eigene Haltung.

Und eine klare Haltung wird immer wichtiger. Denn der Gegenwind nimmt zu. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will in Schulen und Verwaltungen das Gendern verbieten. Mir ist nicht bekannt, dass dort bisher gendersensibles Schreiben und Sprechen ausgeufert wäre und dadurch irgendjemand zu Schaden gekommen wäre. Wenn jetzt nicht nur Schüler*innen-Vertretungen und einzelne Schulleitungen, sondern sogar der konservative Philologenverband Söder widerspricht, heißt das: Der kann bei vielen Akteur*innen in den Schulen und auch bei denen, die ihm ansonsten eher wohlgesonnen sind, mit seiner antifeministischen und antiinklusiven Symbolpolitik keinen Stich machen. Gut so.

Das Bundesverfassungsgericht und Markus Söder

Zumal das Verbot auch rechtlich auf schwachen Füßen steht, weil das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, dass öffentliche Stellen dazu verpflichtet sind, Menschen korrekt anzusprechen. Und was machen jetzt Stadtverwaltungen wie die in München, die in gendergerechte IT investiert haben?

Ich freue mich über jede Lehrkraft, die jetzt öffentlich sagt, dass sie an gendersensibler Sprache festhalten wird. So wie Ulrike Langenfaß, Schulleiterin der Mittelschule München-Moosach, die vom BR so zitiert wird: Sie finde das Genderverbot sehr schade. „Weil ich einfach finde, dass wir bei uns an der Mittelschule oder in allen Schularten eigentlich so viele verschiedene Kinder haben, dass wir das über Sprache auch ausdrücken sollten.“

Es geht ja nicht nur darum, Frauen wie Männer sprachlich sichtbar zu machen, sondern unsere Gesellschaft in all ihrer Vielfalt. Das ist integrativ und gibt gesellschaftlichen Spaltern und Rechten keinen Spaltbreit Platz.

Billige Steilvorlage für die Rechten

Doch davon weiß Populismus, der auf den Beifall der Wähler*innen schielt und uns allen erzählen will, was wir glauben und wollen sollen, nichts. Vielmehr gibt er sich billig her als Steilvorlage für rechte Politik. Und so konnte sich die AfD-Fraktion nach der Regierungserklärung von Markus Söder, in der er das Genderverbot angekündigt hatte, bei dem Regierungschef bedanken mit den Worten: Wir sehen es alle, die Politik der AfD wirkt!

Und so ging wieder eine Woche rum. Sammeln wir Kraft bei Glühwein und Plätzchen, denn die 3. Adventswoche, sie kommt bestimmt!